Endgame

“I’m just going to rest here a little while with my friend.”

Scott Snyder/Greg Capullo, 2014-2015– Wenn Death of the Family als Komödie gedacht war, ist Endgame die Tragödie. Und Batman ist sich der Tragödie bewusst. Er weiß, dass der Tod auf ihn wartet und er ihn nicht abwenden kann. Doch er kann sich ihm mutig entgegenstellen. Die Erzählung fühlt sich wie die unmittelbare Fortsetzung zu Death of the Family an. Und so führt Snyder seine hervorragende Darstellung des Jokers weiter. Der Joker ist das Böse, und durch eine fantastische erzählerische Wendung gibt Snyder ihm einen möglichen neuen Ursprung wahrlich dämonischen Ausmaßes. Vorbei sind auch die Spekulationen, ob der Joker Batmans Identität kennt. In der brillant aufgebauten Erzählung läuft alles auf das Ende der Figuren hinaus. Snyder beginnt im Großen mit viel Brimborium und einer vergifteten Justice League, die es auf Batman abgesehen hat, und er endet im Kleinen mit den beiden Seelenverwandten in einer dunklen Höhle, völlig allein sich und ihrem Tod überlassen. Die Art und Weise wie uns Snyder und Capullo diese Szenen vor Augen führen, beschreibt eine tiefe Romantik im Tod der Figuren. Es ist ein leiser Tod in Batmans kleinstem möglichen Kosmos. Snyder setzt sich hiermit deutlich von Morrisons Interpretation ab, und ich hätte mir keine bessere Wahl vorstellen können. Das gilt auch für Capullos Zeichnungen, die unersetzbar zur Atmosphäre beitragen und gerade im beängstigenden Grinsen des Jokers und aller Infizierten den blanken Wahnsinn offenbaren. Snyder und Capullo verlassen The New 52 mit dem Höhepunkt ihres Schaffens.

Death of the Family

“And when the Joker comes for you, he’s going for everything you love.”

Scott Snyder, James Tynion IV/Greg Capullo, Jock, 2012-2013– Kaum ein anderes Buch, herkömmliche Belletristik eingeschlossen, hat mir so viel Furcht und Schrecken bereitet. Snyder lässt gleich beim ersten Auftritt die dämonische Kraft des Jokers spürbar werden. Die Atmosphäre ist bitter, brutal, der Joker ist gnadenlos. Er ist das Chaos, das Böse, der Tod, und mir graute es vor jeder nächsten Tat. Das Aufeinandertreffen mit Batman ist größtes Kino. Snyder kann hierbei die Geschichte der beiden mit neuen Elementen verknüpfen und reichert diese mit einer grässlichen Romantik an, dass der Joker und Batman einander als Seelenpartner brauchen. In der Tat kann niemand den Joker so gut verstehen wie Batman, was im Laufe der Geschichte weiter ausgeführt wird. Das Tragische daran ist jedoch, dass der Joker die zersetzende Kraft innerhalb der ohnehin angespannten Familie ist. Und wäre diese Erzählung nicht schon großartig genug, findet Snyder sogar noch Zeit, um Batmans Verhältnis zu Alfred tiefer zu ergründen und mit neuen Komponenten zu versehen. Jedes Kapitel besitzt ein gutes Erzähltempo und geht herausragend mit der Verwendung der Panels um. Statt eines großen Knalls bleibt nachwirkender Schrecken. Capullos Zeichnungen tragen abermals unersetzbar zur Atmosphäre bei. Sie sind finster und rau und die für jeden Schauplatz eigens gewählten Farbpaletten dreckig. Das Ende des Buches ist hart und führt zum Tod der Familie.

Detective Comics: Faces of Death

“An insane killer without a face.”

Tony S. Daniel, 2011-2012– Das erste Kapitel ist klassisches Detective Comics. Die Geschichte dreht sich um Batman, Gordon und den Joker – die erweiterte Batman-Familie spielt keine Rolle. Daniel paart diese Klassik mit The New 52. Und das gelingt ihm hervorragend. Gerade die Verwendung zahlreicher moderner und zukunftsorientierter Technologien ist erfreulich, das Verhältnis von Batman und dem Joker spannend wie eh und je. Der Joker wirft Batman Tunnelblick vor, dass er das Gesamtbild nicht sehe. Und welch‘ Ironie, das trifft auch auf Daniel zu. Das erste Kapitel schließt und damit auch die Geschichte. Eine neue Geschichte tritt an deren Stelle. Das Erzähltempo ist wechselnd, die Geschichte selbst zum Nase rümpfen geschrieben. Und so zieht sich das nun bis zum Ende durch. Mal abgesehen von dem durchgängigen Thema über Gesichter ist ein roter Faden nicht zu erkennen. Von einer Geschichte zur anderen fühlt sich Ort und Zeit nicht gleich an. Das Buch enthält mehrere kleine Geschichten, die in der Qualität stark nachlassen und kein lückenloses Gesamtbild ergeben. Wieder einmal sind die Zeichnungen Daniels Rettung. Mehrmals wendet er seine Spezialität an und präsentiert kraftvolle ganzseitige Panels. Auch der Aufbau und die Anordnung der Panels wissen weiterhin zu gefallen.

Streets of Gotham: The House of Hush

“You Waynes are hard to kill.”

Paul Dini/Dustin Nguyen, 2010-2011– Der letzte Teil der Streets of Gotham-Reihe setzt wenige Glanzlichter und bleibt am Ende unbefriedigend. Thematisch hat The House of Hush einiges zu bieten: Die Geschichte über Damian/Robin und Colin/Abuse wird weitergeführt. Damian lässt Dick in Unkenntnis und sucht sowas wie einen Backup-Partner in Abuse. Doch die Geschichte wird nicht konsequent zu Ende geführt und endet im Niemandsland. Nicht minder interessant ist der Umstand, dass die Verwandlung in Bruce Wayne mehr und mehr zum Gefängnis für Tommy Elliot wird, zumal er unter ständiger Beobachtung der Justice League ist. Die Verwandlung wird ihm letztendlich zum Verhängnis. Kompliziert und unnötig sind Dinis Geschichten über Judson Pierce, eine Figur aus der Vergangenheit der Waynes. In Rückblenden erleben wir seine Geschichte, die sogar den Joker beinhaltet (katastrophal überflüssig), und lernen ferner mehr über die Vergangenheit von Thomas und Martha Wayne. Er wirkt alles so, als sei Dini auf der Suche nach Lücken in der Vergangenheit, die er füllen kann. Neben Referenzen zu Heart of Hush und Gotham City Sirens gibt es auch das große Wiedersehen zwischen Bruce und Selina, das leider überhaupt keinen Schneid besitzt. The House of Hush ist eine enttäuschende letzte Ausgabe in einer einigermaßen unterhaltsamen, aber gänzlich überflüssigen Serie.

Batman and Robin: Batman and Robin Must Die!

“Batman’s war against crime goes global tonight.”

Grant Morrison/Frazer Irving, 2011– Die Stärke von Batman & Robin: Batman & Robin must die! ist nicht die Geschichte. Es ist ein Werk von Morrison, und wieder einmal steht die Geschichte nicht für sich allein, sondern ist Bestandteil von etwas Größerem. Erst in ihrer Gesamtheit ergeben Morrisons Geschichten ein beeindruckendes Gesamtwerk, das beste, was der Batman-Serie jemals passiert ist. Batman & Robin: Batman & Robin must die! führt die Trilogie und sämtliche Handlungsstränge um Doctor Hurt und Black Glove zu Ende. Gleichzeitig ebnet es den Weg zu einem völlig neuen Kapitel in Batmans Karriere. Verglichen mit anderen Werken ist es ein Leichtgewicht ohne philosophische und metaphysische Tiefen. Der Fokus liegt auf der rasanten Unterhaltung. Morrison präsentiert einen wahrlich atemberaubenden Lesefluss: Auf Seite 1 holt man Luft und liest das Ding in einem Rutsch und Atemzug durch. Und doch lässt Morrison jeder Figur eine Charakterentwicklung zukommen. Batman & Robin: Batman & Robin must die! hat vielfach Schelte bezogen wegen der Zeichnungen von Frazer Irving. Ich finde Irvings Zeichnungen großartig. Die Panels verfügen über wenig Schärfentiefe und sehen aus wie mit dem Pinsel gemalt. Durch die geringe Plastizität ergibt sich fast der Eindruck eines Albtraums. Die Verwendung der Farben ist fantastisch und liegt über dem Niveau der beiden ersten Teile der Trilogie.

Batman and Robin: Batman vs. Robin

“Being Robin is the best thing I’ve ever done, mother.”

Grant Morrison/Andy Clarke, 2010– Grant Morrison zieht noch einmal den Anspruch an und präsentiert einen höchst komplexen zweiten Teil der Trilogie. Dick will Bruce in einer Lazarus Grube wiederbeleben. Morrisons Texte stellen nicht unbedingt das Dilemma heraus, in dem sich Dick befindet. Er macht es aber für den Leser nachvollziehbar, warum und dass Dick so viel an der Wiederbelebung von Bruce liegt. Die Lazarus Grube wird zum Desaster, und es ist in diesem Zusammenhang geradezu wohltuend zu sehen, dass auch unsere liebsten Superhelden Fehler machen. Im weiteren Verlauf folgen Batman und Robin den Hinweisen, die ihnen Bruce hinterlassen hat. Das bietet Morrison zum einen die Verknüpfung zu The Return of Bruce Wayne, zum anderen viel Raum für das Zusammenspiel von Dick und Damian. Damian fragt Dick, ob sie noch Batman & Robin sein können, falls Bruce wieder zurückkehrt. Dies beschäftigt Damian sehr, und es sind sehr persönliche und brüderliche Momente, die die beiden teilen. Der Titel des Buchs ist irreführend, denn es geht nicht um einen Konflikt zwischen Batman und Robin. Es ist eine Geschichte über zwei Robins. Es geht um den verzweifelten Versuch von Dick, seinen Mentor wiederzubeleben, und um Damians Zuneigung zu Dick.

Whatever Happened to the Caped Crusader?

“The end of the story of Batman is, he’s dead.”

Neil Gaiman/Andy Kubert, Scott Williams, 2009– Whatever Happened to the Caped Crusader? ist die letzte Batman-Geschichte. Sie handelt von der Totenwache für Batman. Der Tod ist das einzig mögliche Ende. Das Ende ist einfach und logisch. Es zementiert Batmans Status als Mythos, als Märtyrer, als Ikone. Batman muss sterben. Es geht nicht anders. Whatever Happened to the Caped Crusader? ist keine Elseworld-Geschichte, spielt aber dennoch außerhalb des Gothams wie wir es kennen. Und so erzählt jeder Besucher seine Geschichte, wie Batman gestorben ist. Verbindungen zum wirklichen Tod von Batman, also zu R.I.P. und Final Crisis existieren nicht. Aber alle Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie zeigen uns, wie Batman hätte sterben können. Die Zusammenkunft der Figuren ist für mich das Highlight des Bandes. Die Panels zeigen einen Raum voller Helden und Schurken und mir gefällt die Idee, dass sowohl Freunde wie auch Feinde die Totenwache besuchen und Batman ihre letzte Ehre erweisen. Der zweite Teil von Whatever Happened to the Caped Crusader? beschäftigt sich mit der Nahtoderfahrung von Batman. Batman stirbt, um wiedergeboren zu werden, um wieder zu sterben. Insoweit ist Whatever Happened to the Caped Crusader? vielleicht doch nicht allzu weit von Final Crisis entfernt, zumindest was das Thema Tod und Wiedergeburt betrifft.

Batman R.I.P.

“What we are about to do will be a work of art.”

Grant Morrison/Tony S. Daniel, 2008– Das Sterben von Batman. Alle Zahnräder greifen zusammen. Die Familie, deren Ruf zerstört wird. Robin, der Batman wegen Damian verlässt. Jezebel Jet, die in Bruce Zweifel schürt. Und Black Glove, die ihre stärkste Karte ausspielt. Batmans Verstand wurde manipuliert, und nun ist es an der Zeit, ihn auszuschalten. Und dann das: Batmans Verstand lässt sich ausschalten, doch nur um seinen Sicherheitsverstand zu aktivieren – Batman of Zur-En-Arrh. Ein Verstand hinter einem Verstand! Was Morrison hier auffährt, ist mehr als ein Trick. Es ist seine Interpretation von Batman. Morrisons Batman ist für jede Situation vorbereitet. Als Leser muss man dabei erkennen, dass man nicht alles über Batman weiß, sondern nur so viel, wie Black Glove über Batman weiß. Morrison hat ein herausforderndes Buch mit vielsagenden und gleichsam präzisen Texten und scharfen Charakterisierungen geschrieben, in dem jedes Panel eine Bedeutung besitzt, auch wenn sich diese Bedeutung erst viel später offenbart. Doch eines ist ihm nicht gelungen: Er konnte nicht erklären, warum The Black Glove so mächtig ist, was ein wenig an die Problematik mit Banes Motivation erinnert. Daniels Zeichnungen sind kraftvoll und zeigen Batman mit starkem Körpereinsatz und irren Blick, dazu große Sprechblasen, große Buchstaben. Dieser von Daniel gezeichnete Batman ist ein Teil des Bildes, das von Morrisons Batman bleiben wird. Großartig!

Under the Red Hood

“Bruce, I forgive you for not saving me.”

Judd Winick, Jim Starlin/Doug Mahnke, Matt Wagner, Paul Lee, Julianne Aparo, 2005-2006– Jasons Rückkehr. Das weiß der Leser schon vorher, und deswegen tun Winick und Starlin gut daran, nicht die Enthüllung von Red Hoods Identität in den Fokus zu rücken, sondern wie die Figuren damit umgehen. Und das ist außerordentlich gut gelungen. Nachdem Batman Red Hoods Verhalten beobachtet hat, verspürt er eine Unruhe, die sich buchstäblich auf den Leser überträgt. Er fühlt, dass die Vergangenheit ihn einholt. Batman weiß schnell, dass Jason zurück ist. Aber er spricht es nicht aus, er will es nicht wahr haben. Bis zur ausdrücklichen Enthüllung der Identität werden nur wenige Andeutungen gemacht, die offensichtlichste ist wohl ein Kampf mit dem Joker, der durch eine schnelle Abfolge von Schlägen mit einer Brechstange gekennzeichnet ist. Batman wird in diesem Band relativ alt porträtiert. Es erfolgt durch Mimik und Gestik und Gedanken an die Vergangenheit, an Jason und an Dick. Es gibt Szenen, in denen sich Batman regelrecht in Nostalgie verliert. Batman will nicht gegen Jason kämpfen. Er will ihm helfen, aber stößt auf Granit. Der Konflikt zwischen Batman und Jason handelt nicht davon, dass Batman ihn nicht vor dem Joker gerettet hat, sondern dass Batman den Joker im Anschluss nicht getötet hat. Hier liegt die Wurzel des Übels. Under the Red Hood ist unterhaltsam und filmreif. Während des Lesens merkt man kaum, wie unzufriedenstellend der gesamte Komplex von Jasons Rückkehr eigentlich ist.

Gotham Central: Jokers and Madmen

“This case owns me.”

Ed Brubaker, Greg Rucka/Michael Lark, Stefano Gaudiano, Brian Hurtt, Greg Scott, 2003-2004– Der zweite Band bringt noch mehr Menschlichkeit ins GCPD und vertieft die Beziehungen untereinander. Brubaker und Rucka gelingt es hervorragend, trotz der großen Anzahl an Figuren jeder einen eigenen, substanzvollen Charakter zu verpassen. Zwar hatte ich einmal das Problem, mit den ganzen Figuren und deren Beziehungen mitzuhalten, aber das lässt sich mit der gehörigen Aufmerksamkeit auch vermeiden. Batman spielt hier eine noch geringere Rolle. Dafür lernt man die Mechanismen bei der Polizei kennen und wie eine effektive Arbeit langsam in den Zahnrädern der Politik zermahlen wird. Die Erzählung ist teilweise niederschmetternd. Manchmal kann die Polizei nicht mehr machen als auf Batman zu warten, während Polizisten und Bürger sterben. In diesem Band bekommt es das GCPD auch mit Superschurken zu tun. Mit Mad Hatter, der dankenswerter Weise nicht nur als irrer Bösewicht dargestellt wird, sondern als kranker Mensch, und mit dem Joker, der stilecht geschrieben, aber für meinen Geschmack nicht zufriedenstellend gezeichnet ist.

Broken City

“I don’t fight fair. I fight by the rules.”

Brian Azzarello/Eduardo Risso, 2003-2004– 100 Bullets Autor Brian Azzarello macht bereits auf der ersten Seite deutlich, dass Broken City ein hardboiled Neo-Noir erster Gattung ist. Wenn Batman zu Croc sagt, dass er nicht nur einen Anwalt brauche, sondern auch einen Zahnarzt und daraufhin sein Gebiss zertrümmert, ist der Ton der Geschichte gesetzt. Wir befinden uns mitten im Noir. Es geht um Liebe, Mutter, Vater, Kind und Mord. Die Sprache in Broken City ist hart, kalt, schnell. Batmans innere Monologe treffen wie Fausthiebe, die Dialoge sind Schlagabtausche. Und eins ist klar: keine Figur besitzt viel Mitgefühl. Azzarello ist verdammt konsequent, wenn es um das Genre geht. Es steht gar nicht so sehr der von Batman untersuchte Mordfall im Vordergrund. Er ist im Vergleich zu anderen Fällen lächerlich unbedeutend, ein einzelner Mord an einer Frau, das Überleben von Gotham hängt nicht davon ab. Im Vordergrund stehen die Figuren, allen voran Batman, wie sie auf die sich ihnen stellenden Situationen reagieren, immer mit Blick darauf, was die Stadt aus ihnen gemacht hat. Die Stimmung ist pessimistisch, die Atmosphäre finster. Erzählung und Zeichnung haben sich dem vollends verschrieben. Rissos Bilder zeigen Dunkelheit, Regen und enge Gassen, über denen Batman thront. Die Farbe des Papiers nicht weiß, sondern schwarz. Patricia Mulvihills Kolorierung trennt die einzelne Abschnitte der Geschichte durch Rot-, Blau- und Grünpaletten. Grandios.

Hush

“We’ve done this dance for a long time.”

Jeph Loeb/Jim Lee, 2002-2003– Hush, der Mega-Blockbuster der Batman-Serie. Blockbuster warten mit großen Schauwerten auf, neigen aber dazu, in manchen Details etwas nachlässig zu sein. Man kann Hush guten Grundes vorwerfen, keine gute Kriminalgeschichte zu sein. Doch wenn man Hush richtig liest, erkennt man den Plot um Identitäten und Verhaltensmuster. Die größte Waffe von Batman ist sein Verstand. Er ist in der Lage, seine Gegner einzuschätzen und sie vorherzusehen. Hush setzt an dieser Strategie an und führt sie ad absurdum. Hush manipuliert die Figuren im Batman-Universum so, dass sie nicht mehr in das bekannte Muster passen. Und dies nutzt Loeb auch, um die Beziehung zwischen Batman und Catwoman weiter zu beleuchten. Tatsächlich wurde die Beziehung selten so intensiv dargestellt wie hier. In Hush ist alles larger than life. Superschurken, Metropolis, Superman, Catwoman, die gesamte Batman-Familie, Anspielungen auf die Rückkehr von Jason Todd, die Etablierung einer neuen Figur und eines neuen Gegenspielers: Thomas Elliot. Sogar Präsident Lex Luthor hat seinen Auftritt und vielleicht ist alles etwas zu viel des Guten, aber so ist es eben in Blockbustern. Es sind die Loeb-Momente, die Hush trotz (oder neben, wie man es sieht) den Schauwerten zum gelungenen Buch machen. In all den großen Szenen finden sich stets interessante Momente der Figurenzeichnung. Lees Illustrationen stehen den Ansprüchen an das Großwerk in nichts nach. Um es ganz einfach auszudrücken: awe-some! Die Panels besitzen Dynamik und Kraft und sind teilweise voller Klischees, aber meine Güte, Klischees passen einfach gut.

No Man’s Land Volume 3

“Gotham died a while back, and it’s gone forever.”

Ian Edginton, Janet Harvey, Larry Hama, Chuck Dixon, Dennis O’Neil, Bronwyn Carlton Taggart, Steven Barnes, Devin Grayson, Alisa Kwitney/Jason Minor, Sergio Cariello, Mike Deodato Jr., Staz Johnson, Gordon Purcell, Roger Robinson, Paul Gulacy, Tom M. Morgan, Paul C. Ryan, Mat Broome, Rafael Kayanan, Dale Eaglesham, Michael Zulli, 1999-2000– Trotz des Zitats ist der dritte Band Hoffnung. Mit den vorigen Bänden teilt er die Gemeinsamkeit, dass die Geschichten ins Nirgendwo laufen. Es wird immer offensichtlicher, dass sich niemand um das Gesamtbild schert. Zu viele Autoren, zu viele Zeichner, zu viel Stückwerk. Zu den Vorgängern gibt es aber einen Unterschied: manche Geschichten sind tatsächlich unterhaltsam. Der Gipfel der Unterhaltsamkeit ist Jokers Versuch, zum Präsidenten von No Man’s Land gewählt zu werden. Das ist absurd komisch und beinhaltet den ersten Auftritt von Harley Quinn außerhalb von Batman: The Animated Series und damit verwandten Publikationen. Das bringt NML zwar kein Stück voran, aber ein wenig Unterhaltung kann nach den ersten Bänden nicht schaden. Batgirl zeigt eine erfreuliche Entwicklung, Robin kann einen Triumph verbuchen, und zum Wohle der Stadt geht Batman Allianzen mit Gegnern ein. Selbst Superman lässt sich blicken, um sich über den Zustand von Gotham und Bruce zu informieren. So sehr dies auch ein Fremdkörper im bisherigen Verlauf von NML ist, die Geschichte ist gut geschrieben und noch besser gezeichnet. Da Teil 3 unterhaltsam ist, könnte Teil 4 diese Eigenschaft doch übernehmen und endlich auch eine gute Erzählung hinzufügen.

Knightfall

“I am Bane– and I am the new owner of Gotham.”

Doug Moench, Chuck Dixon, Alan Grant/Jim Aparo, Norm Breyfogle, Graham Nolan, Jim Balent, Bret Blevins, Klaus Janson, Mike Manley, 1993– Der Auftakt des gewaltigen Crossover-Ereignisses bietet dem Leser das Novum des entkräfteten, verzweifelnden, resignierenden Batmans. Moench, Dixon und Grant verstehen es, die Spannung steigen zu lassen. Schritt für Schritt geht Banes Plan in Erfüllung und lässt Batman auf seinen Untergang zusteuern. Die Autoren nutzen diese gute Gelegenheit, um die Hauptfigur ausführlich zu charakterisieren. Sie kehren zum Kern der Figur zurück, zu einem Symbol und zu Werten, die zum Schutz der Stadt über das eigene Leben hinausgehen. Im finalen Kampf mit Bane erlebt Batman Visionen, die von inneren Monologen begleitet werden. In ihnen entweicht die ganze Last, alle Schmerzen, die Batman in den Jahren auf sich genommen hat. Es ist ein 18 Seiten langer Kampf, 18 Seiten innerer Monolog, 18 Seiten Erlösung. Mit der Zerschmetterung von Batmans Rückgrat wechselt der Fokus auf Robin und Azrael, und das Autorentrio setzt die bisher so gute Figurenzeichnung an ihnen fort. Knightfall ist überzeugend gezeichnet und bleibt trotz der Vielzahl an Illustratoren stets harmonisch. Größtes Lob verdienen die vielen Zeichnungen, die den Zustand Batmans zeigen. Die Erschöpfung wird durch Mimik und Körperhaltung deutlich und so tragen die Zeichnungen einen wesentlichen Teil zur Erzählung bei. Die Erzählung kann mit einer Ausnahme überzeugen. In Knightfall erfährt man nichts über Banes Motivation, Batman zu zerstören: Lediglich Vengeance of Bane beschäftigt sich damit – jedoch in zu geringem Maße.

A Death in the Family

“Jason’s dead.”

Jim Starlin/Jim Aparo, 1988-1989– Der Tod von Jason Todd. Das auf The Killing Joke folgende A Death in the Family ist ein Meilenstein in der Geschichte von Batman. Das Ereignis strahlt bis in die Gegenwart hinein. Wann immer es um Trauer und Schuld geht, ist der Tod von Jason Todd nicht weit. In all den Jahren, nach all den Erfahrungen, hat Batman den Tod nicht überwunden. Nach dem Tod seiner Eltern ist dies das Ereignis, das Batman am stärksten prägen wird. Doch das Ereignis überschattet die Geschichte. Es ist eine gradlinige Geschichte mit ein wenig Detektivarbeit und viel Action. Aber es ist keine gute Geschichte. Für ein so ernstes Thema ist der Plot viel zu dämlich und darüber hinaus schlecht aufgebaut. Batman und Robin in der Wüste, mit Kostümen. Also bitte. Und dann ist da auch noch diese Sache mit der Nahost-Politik. Der Joker als Botschafter des Irans. Das ist noch bescheuerter als es klingt. Aber immerhin leistet Jim Aparo ganze Arbeit. Was den entscheidenden Szenen erzählerisch fehlt, gleicht Aparo durch seine Zeichnungen voll und ganz aus. Ihm ist es zu verdanken, dass Jasons Tod in diesem Buch überhaupt seine Wirkung entfaltet. Das Bild, das Jasons Körper in den Armen von Batman zeigt, ist ein Teil der Popkultur geworden. Blendet man die Folgen von Jasons Tod aus und betrachtet A Death in the Family isoliert, so ist es ein echt miserables Buch. Mit Blick auf die Kontinuität kommt man aber keinesfalls hieran vorbei.

The Killing Joke

“Both of us. To the death.”

Alan Moore/Brian Bollard, 1988– Alan Moore bietet in weniger als 50 Seiten ein echtes Schwergewicht an Geschichte und durch die Lähmung von Barbara Gordon ein Großereignis in der Batman-Kontinuität. Das gelähmte Batgirl wird später zur Informationsvermittlerin Oracle. Noch gewichtiger ist allerdings, dass der Joker eine Herkunft bekommt. Hierbei vollbringt Moore das Kunststück, dem Joker nicht das Mysterium zu nehmen, das er gerade durch seine unbekannte Herkunft besitzt. Moore zeigt uns, dass der Joker und Batman beide das Resultat eines einzigen schlimmen Tages sind und sich näher stehen, als es ihre Taten vermuten lassen. Der Joker ist das Spiegelbild zu Batman. Er ist das Chaos, Batman die Ordnung. Sie brauchen einander und die Geschichte legt uns nahe, dass sie zwei verlorene Seelen sind, die auf alle Ewigkeit gegeneinander kämpfen. Bollards Zeichnungen sind lebendig. Es lohnt sich, zur nachkolorierten Deluxe Edition zu greifen, die die Rückblenden in schönem Sepia zeigt. Die Anordnung der Panels kennt man aus Alan Moores Watchmen. Sie halten sich an ein strenges Raster. 3×3, 2×3 oder 2×2+1, die Seiten sind stets gedrittelt. Ich bin ziemlich begeistert, wie logisch und einfach das zu lesen ist. The Killing Joke benötigt keine Tricks oder Wendungen. Und das macht es zum Lesevergnügen. The Killing Joke wirkt niemals bemüht und gibt nicht mehr vor als es ist. Es ist so geschrieben, dass auch Einsteiger damit mühelos zurecht kommen. So sollte es eines der ersten Bücher sein, die man liest.

Dark Victory

“Take off the masks. No secrets.”

Jeph Loeb/Tim Sale, 1999-2000– Böse Stimmen behaupten, Loeb hätte nach dem Erfolg von The Long Halloween die gleiche Geschichte noch einmal unter anderem Namen geschrieben. Andere behaupten, Loeb musste ein zweites Buch schreiben, um all die losen Fäden aus The Long Halloween zusammenzuführen. Doch eine Reduzierung hierauf wird Dark Victory nicht gerecht. Systematisch gesehen ist es eine der wichtigsten Geschichten in Batmans Karriere und der Entwicklung Gotham Citys. Dark Victory handelt vom Tod der kriminellen Familien und vom Aufkommen der Superschurken. Es schließt den Handlungsstrang, den Year One eröffnete. Aus der Kriminalgeschichte wird die Superheldengeschichte. Die Transformation wird durch das Auftreten des Sidekicks symbolisiert: Robin. Loeb bereitet die Einführung der Figur hervorragend vor. Nachdem Batman seinen stärksten Verbündeten verloren hat, sieht er sich an einsamer Front. Einsamkeit ist ein zentrales Thema in Dark Victory und wird in alle Richtungen ausgeführt. In Bezug auf Harvey Dent, in Bezug auf Catwoman, gegenüber James Gordon, gegenüber Alfred. Gotham City ist im Umbruch. Die Gauner sind gegangen, die Freaks sind gekommen. Batman braucht Unterstützung, um seinen Kampf erfolgreich fortsetzen zu können. Und Loeb und Sale führen Robin in einer Weise ein, die keinen Zweifel zulässt, dass Batman und Robin zusammen gehören. Dark Victory sollte man daher aus dem Schatten von The Long Halloween heraustreten lassen, damit es seine Wirkung voll und ganz entfalten kann.

The Long Halloween

“I believe in Harvey Dent.”

Jeph Loeb/Tim Sale, 1996-1997– Wenn man die Klassiker des Modern Age aufzählt, wird The Long Halloween vermutlich gleich nach Year One genannt. Und dies ganz zurecht, denn The Long Halloween ist durch und durch klassisch. Das beginnt natürlich bei der Geschichte, die dem Leser vor Augen führt, warum Batman The World’s Greatest Detective ist. Über ein Jahr folgt Batman Spur für Spur, Gadgets werden überschätzt. Dann gibt es die große Galerie an Gegenspielern. Der Joker, Solomon Grundy, Catwoman, Poison Ivy, alle haben ihre Auftritte, ohne jedoch den Fokus der Geschichte auf sich zu ziehen. Und dennoch sind sie mehr als bloße Schauwerte und steuern ihren Teil zur Geschichte bei. Die Geschichte dreht sich um Freundschaft, Loyalität, Vertrauen und Familien. So wird The Long Halloween zu einer Mafiageschichte. Und das ist der dritte Punkt, der The Long Halloween so klassisch wirken lässt. Die Referenzen zu Mario Putzos Der Pate und den darauf basierenden Filmen sind unübersehbar. Das gilt nicht nur für die Erzählung, sondern ebenso für Tim Sales klassische Zeichnungen und Gregory Wrights fantastische Kolorierung. Ganz besonders gut gefällt mir der starke Einsatz von Schwarz und Weiß, von Schatten und dem rot herausstechenden Blut. Letztendlich wird in The Long Halloween aus Harvey Dent Two-Face, und ich behaupte, dass ein Gegenspieler niemals besser in das Batman-Universum eingeführt wurde als dieser. Und dennoch ist The Long Halloween nicht gänzlich frei von Schwächen. Zu nennen ist hier vor allem der Umstand, dass Loeb mehr Handlungsstränge beginnt als er jemals beenden kann. Das tut dem Stand von The Long Halloween keinen Abbruch: ein Klassiker.

The Man Who Laughs

“He’s going to kill them all.”

Ed Brubaker/Doug Mahnke, 2005– DC benötigte 18 Jahre, um die Geschichte des ersten Aufeinandertreffens von Batman und dem Joker im Modern Age zu veröffentlichen – wenn man mal von einer Rückblende absieht. Dennoch wurde die Geschichte passend in Batmans erstes Jahr geschrieben, sein Charakter und sein Selbstvertrauen sind für diese Zeit stimmig. Batman ist auf gewöhnliche Kriminelle, auf Verbrecher vorbereitet. Über die Motive des Jokers ist er sich unsicher. Alles, was Batman erkennt, ist sein Wahnsinn. Doch diesen kann er nicht verstehen, und so trifft der Joker ihn unvorbereitet. Tatsächlich hat der Joker stets die Oberhand über Batman und ist ihm mehr als einen Schritt voraus. Und bisweilen scheint es so, als habe der Joker gar kein so großes Interesse an Batman. Ihm geht es um seine Rache gegenüber Gotham City. Batman und der Joker haben noch keine Beziehung. Sie sind noch nicht die Gegner, die einander brauchen. The Man Who Laughs ist äußerst kompakt und lesbar geschrieben sowie ansprechend gezeichnet. Allerdings ist es bei weitem kein so großer Wurf wie The Killing Joke. Ein Vergleich mit diesem ist sicherlich auch nicht ganz fair. Die Ausgabe enthält ferner die Batman/Green Lantern-Geschichte Made of Wood, die hierin überhaupt keinen Sinn macht, da sie viele Jahre später spielt. Was DC sich dabei gedacht hat, werden wir nie erfahren.